"Stellenwertdramaturgie". Zur Ästhetik der Multiscreen Montage
01.11.04 - Ein Gespräch mit Joachim Krausse anlässlich der Aufführung der Videoinstallation "Das andere Amerika" von Angela Zumpe
A.Z: Ist es legitim, Leute, die sich noch nie begegnet sind, im Film so zu schneiden, als hätten sie einen Dialog, d.h. den Dialog so zu montieren, dass sich daraus eine Kontrast-Montage ergibt ?
J.K.: Das ist eine Methode, die sich aus dem Dokumentarfilm selbst entwickelt und der grosse Pionier dieser Methode ist Marcel Ophüls. Erstmalig angewandt in seinem Film "Le Chagrin et la Pitié" hat er damit diese unausgesprochenen Konflikte während der Zeit der deutschen Besatzung zum Thema machen können und damit ein Tabu gebrochen, weil man darüber nicht miteinander spricht. Die Leute reden nicht miteinander, also was blieb ihm anderes übrig, als sie imaginär zu konfrontieren. Also man kann sagen, dass diese Methode, dass Leute einen Dialog führen miteinander, ohne dass sie sich begegnet wären, von ihm methodisch systematisch entwickelt worden ist.
Das geschieht alles noch innerhalb des Rahmens, den der Film bietet. Die Konfrontation findet in der Nachzeitigkeit statt. Aber er schneidet es eben so, dass es wie ein Dialog wirkt und er kann damit unvereinbare gesellschaftliche Positionen in einem imaginären Dialog zusammenbringen.
Findet in der Erzählweise durch die Multiscreen-Anordnung bei der räumlichen Installation ein Wandel statt ?
Bei der Methode, wie Du sie im Multiscreen anwendest, kommt noch etwas ganz anderes hinzu: einmal kannst Du durch die verschiedenen Positionen der Bildfenster eine inhaltliche Position räumlich verdeutlichen. Du kannst eben noch mehr als einen Dialog führen, Du kannst auch einen Trialog oder Tetralog führen. Das heisst also, die räumliche Trennung gibt Dir einerseits die Mö glichkeit der Gleichzeitigkeit oder der Nachzeitigkeit, Du kannst wechseln zwischen diesen beiden. Das ist ein ganz wichtiges neues Element: Du kannst diese Positionen gegeneinander führen, Du kannst sie aber auch zusammenführen. Du hast unglaubliche Möglichkeiten, das Gesellschaftliche an diesem Diskurs sehr differenziert darzustellen. Das ist vielleicht so in der Filmdramaturgie gar nicht möglich. Es ist dabei auch ein anderer Erwartungshorizont: Du weißt ja nicht an welcher Stelle das neue oder überraschende Bild auftaucht. Das Bild kriegt ähnlich wie beim Rechnen, einen Stellenwert. Du hast die 0 genauso, weil Du was nicht ausnutzt, eine 0-Stelle; das ist eine Art Stellenwert-Dramaturgie.
Und an der Stelle muss man eigentlich noch ein paar Schritte zurück gehen und sich überlegen, was diese Multiscreen- Projektion noch mehr hat als die übliche Film- oder Videoprojektion. Da f& auml;llt mir als allererstes z.B. das epische Theater ein, das diese Dimension in die Medien rein bringt. Das ist etwas was im Film ja nur schwer zu erreichen ist, indem Du mit ungeheuren Totalen arbeitest oder Breitwandformate einführst. Aber das epische Theater will ja bestimmte Standpunkte oder Positionen gegeneinander führen, damit sich der Zuschauer ein kritisches Urteil bilden kann. Die klassische Aufgabe des epischen Theaters, das kehrt also wieder unter den technischen Mö glichkeiten von dieser Multiscreen-Montage. Diese Option, also etwas gleichzeitig und nachzeitig zu machen, ist einzigartig und begründet ein neues Medium, das nicht schon enthalten ist im Film und eher darauf hinweist, dass diese räumliche Qualität den Status des Bildes völlig verä ndert.
Die Frage der Regie und die Entstehung des imaginären Dialogs....
Ich glaube ein Problem dieser vielfältigen Möglichkeiten, die man da hat, das gesellschaftliche an diesem Diskurs oder Dialog zu zeigen, ist die Frage, wo steht der Filmemacher, die Filmemacherin, jetzt in Deinem Fall, wo stehst Du, als regieführende Person, die diese Figuren eigentlich wie am Schachbrett führt. und die Frage taucht auch bei Marcel Ophüls schon auf, das ist eins von diesen Problemen, wie tritt die Regie in Erscheinung....
Deswegen ist der Fall M.O. und die Tabuisierung dieses Themas, das Verhältnis von Kollaboration und Résistance, nicht zufällig, das genau mit diesem Thema die Methode des imaginären Dialogs entwickelt worden ist. Und ich finde dass das besonders notwendig ist, in einer Zeit, wo diese Verständigungsbrücken und die Foren nicht da sind und die Leute aneinander vorbeireden.
Ophüls ist darin Pionier gewesen, gerade den Leuten, denen er nachstellt und die er stellen will, penetrant aufzulauern. Ich habe das nie als illegitim empfunden, weil das Leute sind, die sich ihrer Verantwortung entziehen. Und da geht er soweit, dass er diese Leute, die sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht haben, noch zeigt, wie sie sich entziehen, wie die Tür zugeschlagen wird, und wie er nicht reingelassen wird. Dieses einseitige Abbrechen der Kommunikation wird immer gezeigt und man sieht wie unangenehm das bestimmten Leuten ist, sich der Kamera und den Fragen von Ophüls zu stellen, das finde ich ein sehr wichtiges und legitimes Mittel, keine Frage.
Gibt es neue Aspekte in der Darstellung durch die Multiscreen-Form ?
In dieser Multiscreen-Form kann das Verhältnis von Individuum zu einer Gruppierung hervorragend dargestellt werden, das machst Du ja auch. Du nimmst da einzelne heraus, zeigst aber auch ihren Platz, den die in der Gruppe haben, wie die Gruppe insgesamt funktioniert. Man kann es wiederum anderen gegenüberstellen, man kann ein ganzes Spektrum von Meinungen zeigen, subjektiv gefärbte Stellungnahmen vergleichen. Man kann noch herausfinden, warum die zu diesen Meinungen kommen, das extrem subjektive dieser Ansichten liesse sich sehr gut zeigen. Ich denke, es ist wirklich geeignet zu zeigen, was in der Gesellschaft vor sich geht, weil Du plötzlich auf diese epischen Formen kommst, wie im epischen Theater, nur mit allen medialen Möglichkeiten, um das zu skizzieren, was gesellschaftlich unterwegs ist.
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